Studie im Auftrag der SRG SSR
Wäre bereits am 9. August 2026 abgestimmt worden, wäre die Neutralitätsinitiative abgelehnt worden. Bei der Ernährungs-Initiative hätte hingegen eine Pattsituation bestanden.
Diese Ergebnisse sind eine Momentaufnahme rund sieben Wochen vor dem Abstimmungstag und keine Prognose des Abstimmungsausgangs. Die Studie beschreibt die Ausgangslage zu Beginn der Hauptkampagnenphase.
Die Meinungsbildung zu den beiden Vorlagen ist in dieser frühen Phase des Abstimmungskampfs unterschiedlich weit fortgeschritten. Bei der Neutralitätsinitiative präsentiert sie sich vergleichsweise gefestigt: 73 Prozent der Teilnahmewilligen geben eine feste Stimmabsicht für oder gegen die Vorlage an. Weniger weit fortgeschritten ist die Meinungsbildung bei der Ernährungsinitiative. Hier äussern erst 60 Prozent der Teilnahmewilligen eine feste Meinung dafür oder dagegen. Auch die argumentative Untermauerung der Stimmentscheide ist zu Beginn der Hauptkampagne bei der Neutralitätsinitiative bereits klar erkennbar. Bei der Ernährungsinitiative bleibt sie dagegen noch weniger ausgeprägt.
Die Stimmbeteiligung liegt mit 44 Prozent in dieser frühen Phase unter dem langjährigen Durchschnitt von 47,4 Prozent zwischen Februar 2011 und Juni 2026 gemäss BFS.
Alle Angaben gelten bei einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent mit einem Unsicherheitsbereich von ±2,8 Prozentpunkten. Der Abstimmungskampf und die Meinungsbildung haben gerade erst begonnen und können das Ja-/Nein-Verhältnis bei Volksabstimmungen nachweislich beeinflussen. Hinzu kommen Effekte aus der noch unbekannten Mobilisierung durch die Kampagnen.
Die Befunde der Umfrage werden anhand des Dispositionsansatzes von gfs.bern theoretisch verortet.
Hier finden sich Hintergrundinformationen zu den Vorlagen der Abstimmung vom 27. September 2026 und hier zur Methode der SRG-Trendumfragen.
Ausserdem können Sie hier eine vollständige Grafiksammlung herunterladen.
Gegenwärtige Stimmabsichten: Nein-Seite mit klarem Vorsprung
Anfang August 2026 hätten 54 Prozent der teilnahmewilligen Stimmberechtigten bestimmt oder eher gegen die Neutralitätsinitiative gestimmt. 42 Prozent wären bestimmt oder eher dafür gewesen, 4 Prozent konnten oder wollten sich noch nicht festlegen. Die Gegnerschaft startet damit mit einem Vorsprung von 12 Prozentpunkten in den Hauptabstimmungskampf. Die Neutralitätsinitiative ist in der ersten Welle klar negativ prädisponiert.
Auch die Einschätzung des Abstimmungsausgangs weist in Richtung Nein: 59 Prozent der Teilnahmewilligen gehen von einer Ablehnung aus, 41 Prozent von einer Annahme. Im Mittel wird der Ja-Anteil auf 48,2 Prozent geschätzt. Das erwartete Resultat fällt damit knapper aus als die gegenwärtigen Stimmabsichten.
Stand der Meinungsbildung weit fortgeschritten
Die Meinungsbildung ist bereits weit fortgeschritten. 73 Prozent haben eine feste Stimmabsicht: 30 Prozent sind bestimmt dafür und 43 Prozent bestimmt dagegen. Weitere 23 Prozent sind eher entschieden, während nur 4 Prozent keine Stimmabsicht angeben. Der vergleichsweise kleine Anteil Unentschlossener und der hohe Anteil bestimmter Voten sprechen für ein bereits stark verfestigtes Meinungsbild.
Vorläufiges Konfliktmuster: Partei und Regierungsvertrauen strukturieren die Stimmabsicht
Die stärkste Trennlinie verläuft entlang der Parteibindung. In der SVP-Wählerschaft wollen 86 Prozent für die Initiative stimmen. In allen anderen Parteielektoraten überwiegt das Nein klar: bei den Grünen mit 78 Prozent, bei der SP mit 86 Prozent, bei der GLP mit 81 Prozent, bei der Mitte mit 74 Prozent und bei der FDP mit 64 Prozent. Die SVP-Anhängerschaft erscheint in der Ausgangslage damit unter den Parteianhängerschaften isolierter als bei anderen SVP-Initiativen mit Bezug zur Aussen- oder Sicherheitspolitik. Unter den Parteiungebundenen besteht dagegen eine knappe Ja-Mehrheit von 52 Prozent gegenüber 44 Prozent Nein. Genau hier reicht die Initiative vor der Hauptkampagne über die SVP-Basis hinaus.
Eine zweite zentrale Trennlinie ist das Vertrauen in die Regierung. Regierungsmisstrauische unterstützen die Initiative mit 59 Prozent, während sie von Personen mit Regierungsvertrauen zu 69 Prozent abgelehnt wird. Die Vorlage bündelt damit neben der geschlossenen Unterstützung im SVP-Umfeld auch ein breiteres regierungskritisches Potenzial.
Auch regional zeigen sich Unterschiede. In der italienischsprachigen Schweiz besteht mit 55 Prozent eine Ja-Mehrheit. In der Deutschschweiz überwiegt das Nein mit 57 Prozent, in der französischsprachigen Schweiz sind 49 Prozent kritisch. Mindestens zurzeit erscheint in der Romandie die Idee der Verankerung der Neutralität auf Verfassungsstufe verglichen zur geringeren Wählerbasis der SVP mit 43 Prozent Zustimmung recht attraktiv.
Nach Siedlungsart sind die Unterschiede bereits in der Ausgangslage deutlich: In den Städten wird die Initiative zu 59 Prozent abgelehnt, während auf dem Land eine knappe Ja-Mehrheit von 51 Prozent besteht. In intermediären Räumen halten sich Ja und Nein mit 49 zu 48 Prozent ungefähr die Waage. Bereits bei der Initiative für eine 10-Millionen-Schweiz war der Stadt-Land-Graben beachtlich. Dieses Muster zeichnet sich wieder ab.
Bei den soziodemografischen Merkmalen fällt vor allem die Bildung auf. Personen mit tiefer Schulbildung unterstützen die Initiative zu 59 Prozent, Personen mit akademischem Bildungshintergrund lehnen sie zu 58 Prozent ab; bei mittlerer Bildung sind die Verhältnisse mit 50 Prozent Ja zu 46 Prozent Nein annähernd ausgeglichen. Nach Alter bestehen in allen Gruppen Nein-Mehrheiten, am deutlichsten bei den über 65-Jährigen mit 60 Prozent. Die Generationen, die den kalten Krieg miterlebten, sind tendenziell kritischer mit der Vorlage. Unterschiede nach Einkommen sind schwächer und verlaufen nicht durchgehend linear. Nach Geschlecht und Wohnsitz in der Schweiz oder im Ausland zeigen sich keine substanziellen Unterschiede.
Argumente: Contra-Seite breiter abgestützt, Verfassungsverankerung als stärkster Ja-Treiber
Die Nein-Seite verfügt in der ersten Welle über die breiter abgestützte Argumentationsbasis. Alle drei getesteten Contra-Argumente sind klar mehrheitsfähig. 70 Prozent stimmen der Aussage zu, dass internationale Sicherheitszusammenarbeit vor einem Angriff eingeübt werden müsse und fehlender Austausch die Verlässlichkeit und Sicherheit der Schweiz gefährde. 68 Prozent wollen den Handlungsspielraum mit der heutigen flexiblen Neutralitätspolitik erhalten. 65 Prozent finden, die Schweiz müsse Sanktionen gegen kriegführende Staaten übernehmen können, um den Einsatz für das Völkerrecht und die internationale Ordnung nicht zu schwächen.
Auf der Pro-Seite ist die verfassungsmässige Verankerung der immerwährenden Neutralität am anschlussfähigsten. 52 Prozent stimmen zu, dass damit eine je nach politischer Lage unterschiedliche Auslegung verhindert werden soll; 41 Prozent widersprechen. Die Aussage, eine glaubwürdige, bewaffnete und umfassende Neutralität halte die Schweiz aus fremden Konflikten heraus und erhöhe ihre Sicherheit, teilt die Stimmbevölkerung mit 50 Prozent Zustimmung und 46 Prozent Ablehnung. Keine Mehrheit findet dagegen die Forderung nach einem grundsätzlichen Verzicht auf wirtschaftliche Zwangsmassnahmen: 44 Prozent stimmen zu, 50 Prozent lehnen das Argument ab.
In der Gesamtschau ergibt sich ein deutlicher argumentativer Überhang zum Nein. 60 Prozent weisen im Argumenteindex eine ablehnende, 34 Prozent eine zustimmende und 6 Prozent eine indifferente Bilanz auf.
Der gegenwärtige Ja-Anteil von 42 Prozent liegt damit 8 Prozentpunkte über dem argumentativen Ja-Anteil. Dieses Muster zeigt sich in allen Parteigruppen. Besonders ausgeprägt ist die Differenz im SVP-Umfeld mit 86 Prozent Stimmabsicht für die Initiative gegenüber 72 Prozent argumentativem Ja-Überhang sowie bei Parteiungebundenen mit 52 gegenüber 37 Prozent. Ein Teil der heutigen Zustimmung ist somit stärker in politischer oder grundsätzlicher Nähe zur Vorlage verankert als in der Bilanz der getesteten Argumente.
Die multivariate Analyse präzisiert den argumentativen Kern der Entscheidung. Den stärksten eigenständigen Einfluss zugunsten der Initiative hat die Forderung, die immerwährende Neutralität in der Bundesverfassung zu verankern und dadurch eine wechselnde politische Auslegung zu verhindern. Ebenfalls eigenständig ja-wirksam sind das Sicherheitsversprechen einer glaubwürdigen, bewaffneten und umfassenden Neutralität sowie das Argument, Sanktionen träfen häufig die Zivilbevölkerung statt der Verantwortlichen. Auf der Nein-Seite wirkt vor allem die Forderung, Sanktionen gegen kriegführende Staaten übernehmen zu können, um Völkerrecht und internationale Ordnung zu stützen. Die breit akzeptierten Hinweise auf internationale Sicherheitszusammenarbeit und eine flexible Neutralitätspolitik prägen das Nein zwar inhaltlich, entfalten unter Kontrolle der übrigen Argumente und Merkmale aber keinen zusätzlichen eigenständigen Einfluss auf die Stimmabsicht.
Verlauf der Meinungsbildung
Im Vergleich zur ersten Welle der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ist die Ausgangslage weniger offen. Damals lagen Ja und Nein mit je 47 Prozent gleichauf; bei der Neutralitätsinitiative führt das Nein mit 54 zu 42 Prozent und zusätzlich mit einem deutlichen argumentativen Überhang. Gemeinsam ist beiden Vorlagen ein bereits weit fortgeschrittener Stand der Meinungsbildung. Die Neutralitätsinitiative startet aus einer strukturellen Defensive in den Hauptabstimmungskampf. Die Nein-Seite verfügt über einen klaren Vorsprung bei den Stimmabsichten, wird häufiger als Gewinnerin erwartet und ist argumentativ breiter abgestützt. Das Ja ist vor allem im SVP-Umfeld, bei Regierungsmisstrauischen sowie in einzelnen regionalen und sozialen Gruppen mehrheitsfähig. Gerade die SVP-Anhängerschaft wurde jedoch bisher eher unterdurchschnittlich mobilisiert.
In der Romandie geniesst die Initiativ-Idee in der Ausgangslage recht breite Unterstützung. Inhaltlich entscheidet sich die Vorlage an zwei konkurrierenden Neutralitätsverständnissen: einer dauerhaft verfassungsrechtlich gebundenen Neutralität als Sicherheitsversprechen und einer flexiblen Neutralitätspolitik, die internationale Zusammenarbeit und Sanktionen weiterhin zulässt.
Für den weiteren Verlauf steht deshalb im Zentrum, ob die Ja-Seite ihre Unterstützung über die heutigen Kernmilieus hinaus argumentativ verbreitern kann oder ob sich die bestehende Nein-Mehrheit weiter konsolidiert. Es ist bei Initiativen eher typisch, dass sich anfängliche Sympathien für das Anliegen wegen der Diskussion der Schwächen abbauen. Eine Ablehnung der Neutralitätsinitiative ist damit das wahrscheinliche Szenario.
Gegenwärtige Stimmabsichten im Patt
Wäre bereits Anfang August 2026 über die Ernährungs-Initiative abgestimmt worden, hätten 49 Prozent der stimmberechtigten Personen mit fester Teilnahmeabsicht bestimmt oder eher dagegen gestimmt, während 47 Prozent bestimmt oder eher dafür gewesen wären. Unter Berücksichtigung des Stichprobenfehlers entspricht dies einer Pattsituation, bei lediglich 4 Prozent Unentschiedenen.
Die Erwartungen über den Ausgang der Abstimmung sind kritischer. Für den 27. September 2026 erwarten 76 Prozent der Teilnahmewilligen eine Ablehnung, 24 Prozent eine Annahme. Im Mittel wird der Ja-Anteil auf 42 Prozent geschätzt.
Mittlerer Stand der Meinungsbildung
60 Prozent der bisher Mobilisierten haben schon bestimmte Absichten dafür (27%) oder dagegen (33%). Das spricht für einen tiefen bis mittleren Stand der Meinungsbildung. Die noch nicht vollständig deckungsgleichen Stimmabsichten und argumentativen Haltungen lassen weiterhin Spielraum für inhaltliche Kampagnenwirkungen.
Vorläufiges Konfliktmuster: Linkes Ja mit stärkerer Unterstützung bei Frauen und Jüngeren
Bereits in der frühen Ausgangslage zeigt sich bei der Ernährungsinitiative ein klares parteipolitisches Konfliktmuster. Besonders ausgeprägt ist die Zustimmung bei den Sympathisant:innen der Grünen: 84 Prozent wollen die Vorlage annehmen, wobei mit 61 Prozent sogar eine Mehrheit bestimmt dafür ist. Auch bei den SP-Sympathisant:innen spricht sich mit 64 Prozent eine klare Mehrheit für die Vorlage aus, während die Zustimmung bei den GLP-Sympathisant:innen mit 55 Prozent knapper ausfällt. Anders als bei den Grünen-Sympathisant:innen ist die Zustimmung in beiden Gruppen jedoch weniger gefestigt: Bestimmt dafür sind 36 beziehungsweise 30 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die Anhängerschaften von SP und GLP damit trotz der ablehnenden Parteiparolen mehrheitlich zur Ja Seite tendieren. Bei den Grünen, die Stimmfreigabe beschlossen haben, fällt die Zustimmung sowohl insgesamt als auch hinsichtlich ihrer Festigkeit besonders deutlich aus. Wie bei umweltpolitischen Vorlagen häufig zu beobachten, verläuft die Trennlinie in der Ausgangslage zwischen der GLP-Anhängerschaft und den Mitte-Sympathisant:innen. Bei den Anhängerschaften der klassischen bürgerlichen Parteien Mitte, SVP und FDP überwiegt dagegen die Ablehnung. Die Ja Anteile liegen bei 37 Prozent, 34 Prozent beziehungsweise 27 Prozent. Bei den parteiungebundenen Stimmberechtigten zeigt sich dagegen ein nahezu ausgeglichenes Bild: 44 Prozent wollen die Vorlage annehmen, 47 Prozent lehnen sie ab. Gleichzeitig ist der Anteil Unentschiedener mit 9 Prozent in dieser Gruppe vergleichsweise hoch. Damit ist in dieser Gruppe keine klare Mehrheit erkennbar.
Bei umweltpolitischen Vorlagen zeigt sich häufig eine höhere Zustimmung in urbanen als in ländlichen Gebieten. Dieses Muster ist bei der Ernährungsinitiative nur teilweise erkennbar:
In ländlichen Gebieten fällt die Zustimmung mit 40 Prozent am tiefsten aus, am höchsten ist sie jedoch in intermediären Räumen mit 48 Prozent, knapp vor den städtischen Gebieten mit 47 Prozent. Noch deutlicher als nach Siedlungsart verläuft die gesellschaftliche Trennlinie nach Geschlecht. Während 55 Prozent der Frauen die Ernährungsinitiative annehmen wollen, sind es bei den Männern lediglich 39 Prozent. Auch zwischen den Altersgruppen zeigen sich klare Unterschiede. Die höchste Zustimmung findet sich bei den 18- bis 39-Jährigen mit 54 Prozent. Bei den 40- bis 64-Jährigen liegt sie bei 45 Prozent und bei den über 65-Jährigen bei 42 Prozent. Damit nimmt die Zustimmung mit zunehmendem Alter ab.
Auffällig ist zudem die Zustimmung nach Haushaltseinkommen. Die Ernährungsinitiative findet gegenwärtig bei Stimmberechtigten mit tieferen Einkommen besonders viel Unterstützung: Je 57 Prozent der Personen mit einem Haushaltseinkommen unter 3’000 Franken oder zwischen 3’000 und 5’000 Franken sind bestimmt oder eher dafür. Nach Schulbildung zeigt sich dagegen kein klares Muster. Die Ja Anteile liegen bei Personen mit tiefer Schulbildung bei 50 Prozent, bei mittlerer Schulbildung bei 45 Prozent und bei hoher Schulbildung bei 48 Prozent.
In der Ausgangslage besteht in der französischsprachigen Schweiz am meisten Sympathie für das Anliegen (57% bestimmt oder eher dafür). Auch in der italienischsprachigen Schweiz findet die Ernährungsinitiative mehrheitliche Unterstützung (53%), während die Befragten in der deutschsprachigen Schweiz mit 44 Prozent deutlich kritischer eingestellt sind.
Zurzeit bringen Auslandschweizer:innen dem Vorhaben mit 58 Prozent deutlich mehr Unterstützung entgegen als Stimmberechtigte mit Wohnsitz in der Schweiz mit 46 Prozent.
Argumente
Die Pro-Argumente zur Ernährungsinitiative finden insgesamt breite Zustimmung. Am stärksten überzeugt das Argument, dass Klimawandel und Verschmutzung die Wasservorkommen gefährden und deshalb eine nationale Planung zur Sicherung von sauberem Trinkwasser und Grundwasser nötig sei (84% voll/eher einverstanden). Ebenfalls deutlich mehrheitsfähig ist die Aussage, dass die Schweiz heute zu wenig Lebensmittel selbst produziert und dadurch in Krisenzeiten zu stark von Importen abhängig ist (75% voll/eher einverstanden). Etwas weniger, aber weiterhin klar mehrheitlich unterstützt wird das Argument, wonach eine höhere Biodiversität die landwirtschaftlichen Erträge fördert und nachhaltige Anbausysteme Bodenfruchtbarkeit stärken sowie Pestizide und Dünger ersetzen können (66% voll/eher einverstanden).
Die Contra-Argumente zur Ernährungsinitiative finden ebenfalls mehrheitlich Zustimmung. Am stärksten überzeugt die Aussage, dass staatliche Vorgaben nicht bestimmen sollten, was die Schweizerinnen und Schweizer essen dürfen und was nicht (69% voll/eher einverstanden). Nahezu gleich viel Zustimmung erhält das Argument, dass es kaum realistisch sei, den Netto-Selbstversorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren auf 70 Prozent zu erhöhen (68% voll/eher einverstanden). Ebenfalls mehrheitsfähig ist die Kritik, wonach starre Fristen laufende Investitionen gefährden und dadurch hohe Kosten verursachen könnten (62% voll/eher einverstanden).
In der Gesamtbetrachtung zeigt sich ein leichter argumentativer Überhang zugunsten der Ernährungsinitiative: 49 Prozent der Befragten neigen argumentativ der Ja-Seite zu, 42 Prozent der Nein-Seite, während 9 Prozent indifferent bleiben. Damit fällt die argumentative Ausgangslage etwas positiver aus als die gegenwärtigen Stimmabsichten.
Die multivariate Analyse der Argumente zeigt, dass die Meinungsbildung zur Ernährungsinitiative sowohl von ökologischen und versorgungspolitischen Überlegungen als auch von Bedenken hinsichtlich ihrer Umsetzung geprägt wird. Am stärksten für die Vorlage wirkt die Überzeugung, dass eine höhere Biodiversität die landwirtschaftlichen Erträge fördert und nachhaltige Anbausysteme die Bodenfruchtbarkeit stärken. Etwas schwächer, aber ebenfalls klar wirksam sind die Sorge um eine zu starke Abhängigkeit von Lebensmittelimporten sowie der Wunsch nach einer nationalen Planung zum Schutz der Wasservorkommen. Gegen die Vorlage wirkt am stärksten die Befürchtung, dass starre Fristen laufende Investitionen gefährden und hohe Kosten verursachen. In geringerem Ausmass, aber ebenfalls eindeutig, wirken Zweifel an der Realisierbarkeit eines Netto-Selbstversorgungsgrads von 70 Prozent innerhalb von zehn Jahren sowie die Ablehnung staatlicher Vorgaben darüber, was die Schweizerinnen und Schweizer essen dürfen.
Trend in der Meinungsbildung
Ohne Kenntnis der weiteren Dynamik der Meinungsbildung bleibt der Abstimmungsausgang für den 27. September 2026 offen. Die Stimmabsichten zeigen gegenwärtig eine Pattsituation mit leichtem Vorsprung der Nein-Seite. Gleichzeitig fällt die argumentative Gesamtlage leicht zugunsten der Ernährungsinitiative aus. Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass die Meinungsbildung noch nicht abgeschlossen ist und im weiteren Abstimmungskampf Verschiebungen möglich sind. Hinzu kommt, dass die Anhängerschaften von SP und GLP derzeit mehrheitlich von den ablehnenden Parteiparolen abweichen. Gerade in diesen Gruppen erscheint eine Angleichung an die Parolen wahrscheinlich, solange Kampagne und Debatte im Schatten der Neutralitätsinitiative stattfinden.
Die Meinungsbildung ist gegenwärtig mittel fortgeschritten, sodass für die Hauptkampagne weiterhin Spielraum besteht. Entscheidend dürfte sein, welche Argumente im weiteren Abstimmungskampf an Gewicht gewinnen, obwohl die Debatte wenig Aufmerksamkeit geniesst. Solche Initiativ-Anliegen verlieren gegen Schluss der Meinungsbildung oft noch viel Zuspruch. In aller Regel spricht dies für den Normalfall der Meinungsbildung in Richtung der Position von Bundesrat und Parlament: ein Teil der (tendenziell) Befürwortenden sowie Unentschiedene neigen trotz Sympathien für das Anliegen am Schluss des Meinungsbildungsprozesses eher dem Nein zu.
Bisher unterdurchschnittliche Teilnahmeabsicht für die Abstimmung vom 27. September 2026
Die bisher gemessene Beteiligungsbereitschaft für den 27. September 2026 liegt mit 44 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt (47.4% zwischen Februar 2011 und Juni 2026 gemäss BFS). In dieser frühen Phase des Abstimmungskampfes, unmittelbar nach den Sommerferien, bewegen die beiden Vorlage noch nicht sonderlich breite Teile der Bevölkerung.
Der Wert dürfte mit näher rückendem Abstimmungssonntag noch ansteigen, sodass sich für den Urnengang vom 27. September 2026 eine durchschnittliche Stimmbeteiligung abzeichnet.
Profil der Beteiligungswilligen
Wie üblicherweise bei geringer Teilnahmeabsicht bekunden ältere und höher gebildete Stimmberechtigte im Vergleich zu ihren Gegengruppen erhöhte Teilnahmeabsichten. Aktuell bekunden ältere Stimmberechtigte eine erhöhte Teilnahmeabsicht (18-39-Jährige: 37%, 40-64-Jährige: 45%, 65+-Jährige: 53%). Auch mit zunehmender Schulbildung steigt die Teilnahmeabsicht leicht an (tief: 41%, mittel: 43%, hoch: 45%).
Politisch betrachtet zeigen sich überdurchschnittliche feste Teilnahmeabsichten bei Sympathisierenden der Grünen, der FDP, der Mitte und der SP (67%, 59%, 49%, 48%). Unterdurchschnittlich mobilisiert sind hingegen Sympathisierende der SVP (40%) und insbesondere der GLP (36%). Stimmberechtigte mit grundsätzlichem Vertrauen in die Regierung weisen mit 48 Prozent eine höhere Teilnahmeabsicht auf. Regierungsmisstrauische Kreise liegen demgegenüber mit 43 Prozent unter dem Mittel.
Sprachregional betrachtet ist die Mobilisierung in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz höher als in der italienischsprachigen Schweiz (DCH: 45%, FCH: 44%, ICH; 36%). Auch nach Siedlungsart zeigen sich Unterschiede, wobei Stimmberechtigte aus intermediären Siedlungsräumen mit 52 Prozent die höchste Teilnahmeabsicht äussern, gefolgt von jenen aus ländlichen Gebieten mit 49 Prozent. In städtischen Gebieten liegt sie mit 42 Prozent tiefer.
Im Verlauf des Abstimmungskampfes dürfte die Debatte weitere Kreise erfassen. Dadurch kann sich die Zusammensetzung des Stimmkörpers bis zum 27. September 2026 noch verändern.
Erste Welle der SRG-SSR-Trendbefragung zu den Volksabstimmungen vom 27. September 2026 vom Forschungsinstitut gfs.bern. Realisiert zwischen dem 03. August und dem 16. August 2026 bei 17’212 Stimmberechtigten. Der statistische Fehlerbereich beträgt +/-2.8 Prozentpunkte.
Der telefonische Teil der vorliegenden Befragung wurde vom gfs-Befragungsdienst realisiert, die Auswertung und Analyse der Daten nahm das Forschungsinstitut gfs.bern vor. Befragt wurde via eines RDD-Dualframe-Verfahrens per Festnetz und Handy.
Seit dem Herbst 2018 wird im Rahmen des SRG-Trend-Mandats die telefonische Umfrage durch eine Online-Befragung ergänzt mit dem Ziel die Stichprobengrösse in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz zu erhöhen.
Der Online-Teil wurde als Opt-in-Umfrage (Mitmachumfrage) über die Online-Portale der SRG SSR Medien durchgeführt. Seit Anfang 2024 wird mithilfe von Boomerang Ideas zudem systematisch auch über Social-Media-Kanäle befragt.
Aussagen über das Ständemehr können wir keine machen, denn die Fallzahl lässt gesicherte Rückschlüsse auf die Kantone nicht zu.
Weiterführende Informationen zur Theorie und der Methode der SRG-Trendumfragen finden sich hier.
Technischer Kurzbericht
Auftraggeber: CR-Konferenz der SRG SSR
Grundgesamtheit: Stimmberechtigte Schweizer:innen
Herkunft der Adressen CATI: Stichprobenplan Gabler/Häder für RDD/Dual-Frame; Verwendung Swiss-Interview-Liste,
Herkunft der Adressen Online: Opt-in-Befragung über die Webportale der SRG SSR
Datenerhebung: telefonisch, computergestützt (CATI) und Online
Art der Stichprobenziehung CATI: at random/Geburtstagsmethode im Haushalt geschichtet nach Sprachregionen
Art der Stichprobenziehung Online: offene Mitmachumfrage
Befragungszeitraum: 3. August– 16. August 2026
mittlerer Befragungstag: 09. August 2026
Stichprobengrösse: minimal 1’200, effektiv 17’212 (Cati: 504, Online: 16’161, Boomerang Ideas: 547), DCH: 13’985, n FCH: 2’823, n ICH: 404
Stichprobenfehler: ± 2.8 Prozentpunkte bei einem Wert von 50% (und 95%iger Wahrscheinlichkeit)
Quotenmerkmale CATI: Sprachregion
Quotenmerkmale Online: keine
Gewichtung: Dual-Frame-Gewichtung, Sprache, Siedlungsart, Parteiaffinität, Recall, Teilnahme, Methode
mittlere Befragungsdauer CATI: 11.6 Minuten (Standardabweichung: 2.7 Minuten)
Publikation: 21. August 2026, 6h00