Studie im Auftrag der SRG SSR
Wäre bereits am 23. Mai 2026 abgestimmt worden, wäre die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP abgelehnt worden. Beim Zivildienstgesetz hätte hingegen eine Pattsituation resultiert. Beide Vorlagen vom 14. Juni 2026 wurden über den Kampagnenverlauf hinweg von einem Nein-Trend erfasst. Für eine Initiative entspricht dies dem Normalfall der Meinungsbildung, für eine Behördenvorlage ist es hingegen - trotz einer Häufung in jüngerer Vergangenheit - der Ausnahmefall.
Der Stand der Meinungsbildung zu den beiden Vorlagen ist unterschiedlich weit fortgeschritten. Bei der SVP-Nachhaltigkeitsinitiative präsentieren sich die Meinungen zunehmend gefestigt; gestiegene 87 Prozent äussern sich bestimmt dafür oder dagegen. Bei der Änderung des Zivildienstgesetzes bleibt der Stand der Meinungsbildung dahinter zurück und ist als mittel bis fortgeschritten zu taxieren; gestiegene 68 Prozent äussern sich bestimmt dafür oder dagegen. Die argumentative Untermauerung der Stimmentscheide bleibt bei der Nachhaltigkeitsinitiative der SVP stark. Bei der Änderung des Zivildienstgesetzes ist sie weniger ausgeprägt, hat sich aber über den Kampagnenverlauf hinweg entwickelt.
Die Stimmbeteiligung hat sich ebenfalls entwickelt und liegt mit 54 Prozent bereits im Vorfeld der Abstimmung deutlich über dem langjährigen Durchschnitt von 47,1 Prozent zwischen 2011 und 2024 gemäss BFS.
Diese Ergebnisse entsprechen einer Momentaufnahme rund drei Wochen vor dem Abstimmungstag, und sie sind keine Prognose des Abstimmungsausgangs. Sie können allerdings im Wellenvergleich auch als Trends interpretiert werden. Alle Angaben gelten bei einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent mit einem Unsicherheitsbereich von ±2,8 Prozentpunkten.
Die Befunde der Umfrage werden anhand des Dispositionsansatzes von gfs.bern theoretisch verortet.
Hier finden sich Hintergrundinformationen zu den Vorlagen der Abstimmung vom 14. Juni 2026 und hier zur Methode der SRG-Trendumfragen.
Ausserdem können Sie hier eine vollständige Grafiksammlung herunterladen und hier den aktuellen Abstimmungsmonitor des Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) zur Mediensituation im laufenden Abstimmungskampf..
Gegenwärtige Stimmabsichten tendenziell im Nein
Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» befindet sich Ende Mai nicht mehr in der Pattsituation der ersten Welle. Aktuell würden 45 Prozent der teilnahmewilligen Stimmberechtigten bestimmt oder eher zustimmen, während 52 Prozent bestimmt oder eher ablehnen. 3 Prozent bleiben unentschieden. Gegenüber der ersten Welle hat sich damit ein Nein-Trend herausgebildet.
Diametral dazu hat sich die Einschätzung des Abstimmungsausgangs entwickelt: Während in der ersten Welle im Mittel noch mit 49 Prozent Ja-Stimmen gerechnet wurde, erwarten Ende Mai 55 Prozent eine Annahme der Initiative. Die aktuellen Stimmabsichten verschieben sich somit in Richtung Ablehnung, während die Erwartungshaltung neu knapp auf eine Annahme verweist (Mittelwert: 50.2%).
Fortgeschrittener Stand der Meinungsbildung
Gestiegene 87 Prozent äussern eine feste Stimmabsicht (+8 ppt.), gesunkene 10 Prozent der Teilnahmewilligen haben noch keine feste Stimmabsicht (-5 ppt.), und lediglich 3 Prozent sind gänzlich unentschieden (-3 ppt.).
Die argumentative Verankerung der Stimmentscheide ist ebenfalls gefestigt: Die geäusserten Stimmabsichten stimmen hochgradig mit den Argumentenbewertungen überein. Das Meinungsbild erweist sich demnach über die Hauptkampagnenphase hinweg als fortgeschritten. Aufgrund des weiterhin engen Mehrheitsverhältnisses bleiben jedoch Mobilisierungseffekte im weiteren Verlauf des Abstimmungskampfes entscheidend.
Vorläufiges Konfliktmuster: politisch geprägt, aber stärker Richtung Nein konsolidiert
Das Konfliktmuster der Initiative bleibt weiterhin in erster Linie politisch strukturiert. Die Zustimmung ist im Umfeld der SVP nach wie vor nahezu geschlossen, während die Initiative im Umfeld der GPS, SP und GLP klar abgelehnt wird. Im politischen Zentrum hat sich die Lage gegenüber der ersten Welle stärker in Richtung Nein verschoben: Sowohl unter Sympathisierenden der Mitte als auch bei solchen der FDP ist die Ablehnung deutlicher geworden. Parteiungebundene bleiben gespalten, tendieren aber nicht mehr wie in der ersten Welle leicht zum Ja, sondern sind praktisch ausgeglichen.
Auch das Regierungsvertrauen bleibt ein zentraler Strukturierungsfaktor. Personen mit Misstrauen gegenüber der Regierung unterstützen die Initiative weiterhin deutlich mehrheitlich, während Stimmberechtigte mit Regierungsvertrauen klar im Nein-Lager verankert sind. Damit bestätigt sich die Konfliktlinie zwischen systemkritischen und systemvertrauenden Gruppen.
Soziodemografische Unterschiede bleiben gegenüber den politischen Faktoren zweitrangig, haben sich aber teilweise akzentuiert. Männer sind weiterhin eher offen für die Initiative, während Frauen nun klar ablehnend positioniert sind. Nach Alter fällt vor allem auf, dass jüngere und ältere Stimmberechtigte stärker ins Nein tendieren, während die mittlere Altersgruppe gespalten bleibt (49% bestimmt/eher dafür vs. 48% bestimmt/eher dagegen). Bei den 18- bis 29-Jährigen fällt die Zustimmung mit 36 Prozent am tiefsten aus und ist im Vergleich zur ersten Welle um 3 Prozentpunkte zurückgegangen.
Ebenfalls unterdurchschnittlich sind die Zustimmungswerte bei den 30- bis 39-Jährigen (43% bestimmt/eher dafür) und bei den über 70-Jährigen (44% bestimmt/eher dafür). Bei der Bildung zeigt sich ein deutlicher Gegensatz: Personen mit tiefer oder mittlerer Bildung unterstützen die Initiative weiterhin mehrheitlich, bei Hochgebildeten hat sich die Ablehnung verstärkt.
Räumlich hat sich der Nein-Trend ebenfalls verbreitert. In der deutschsprachigen Schweiz ist die Vorlage knapp im Nein, in der französischsprachigen wird sie deutlich abgelehnt. Dort haben sich im Vergleich zur ersten Welle insbesondere die Unentschlossenen eher in Richtung Nein bewegt. Die Stimmabsichten in der italienischsprachigen Schweiz bleiben dagegen enger beieinander und tendieren leicht mehrheitlich zur Zustimmung. Nach Siedlungsart zeigt sich ein Muster, das sich gegenüber der ersten Welle weiter akzentuiert hat: In ländlichen Räumen konsolidiert sich die Ja-Mehrheit (53% bestimmt/eher dafür, +2 ppt.), während städtische Gebiete die Vorlage klarer ablehnen als noch vor einem Monat (55% bestimmt/eher dagegen, +4 ppt.). In intermediären Räumen bleibt die Initiative zwar knapp mehrheitsfähig, der Vorsprung der Befürwortenden ist aber geschrumpft (50% bestimmt/eher dafür, -3 ppt.; 47% bestimmt/eher dagegen, +7 ppt.). Die ehemals Unentschlossenen scheinen sich hier stärker dem Nein-Lager zuzuwenden. Auslandschweizer sind weiterhin deutlich kritischer als Befragte mit Wohnsitz in der Schweiz.
Das Konfliktmuster hat sich somit seit der ersten Welle nicht grundlegend verändert. Die Ablehnung hat sich jedoch in mehreren Gruppen des politischen Zentrums, bei regierungsnahen Stimmberechtigten, bei Frauen, Hochgebildeten sowie in urbanen und französischsprachigen Räumen sichtbar konsolidiert.
Argumente: Belastung bleibt klar mehrheitsfähig, aber argumentative Gesamtlage kippt ins Nein
Die Pro-Argumente zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» bleiben auch in der zweiten Welle anschlussfähig. Am stärksten verfängt weiterhin die Wahrnehmung, dass die Infrastruktur in den Bereichen Wohnen, Verkehr, Schulen und Spitäler durch das Bevölkerungswachstum zunehmend überlastet sei (73%, -3ppt.). Knapp mehrheitsfähig bleiben auch die beiden Forderungen nach einer Begrenzung der Bevölkerung zum Schutz natürlicher Lebensgrundlagen (52%, -4ppt.) und das Argument einer konsequenteren Steuerung der Zuwanderung zur Eindämmung von Kriminalität und Gewalt (51%, +2ppt.).
Auch die Contra-Argumente sind stabil mehrheitsfähig: Je 65 Prozent stimmen den beiden Aussagen zu, dass der bilaterale Weg mit der EU für die Schweiz wichtig sei (-1ppt.) und nicht gefährdet werden dürfe, und dass die Schweiz auf Zuwanderung angewiesen sei, um den Fachkräftebedarf zu decken (-1ppt.). Etwas weniger stark, aber ebenfalls mehrheitsfähig, ist das Argument, wonach ein willkürlicher Deckel von 10 Millionen Einwohner:innen der Schweizer Wirtschaft und damit dem Wohlstand schade (54%, +3ppt.).
Die argumentative Gesamtlage gegenüber der ersten Welle hat sich zugunsten der Gegnerschaft verschoben. Der Argumentenindex kippt von einem leichten Ja-Überhang zu einer knappen argumentativen Ablehnung: 52 Prozent neigen argumentativ dem Nein-Lager zu, 46 Prozent dem Ja-Lager. 2 Prozent bleiben indifferent. Damit spiegelt die inhaltliche Beurteilung der Argumente die Verschiebung der Stimmabsichten in Richtung Nein.
Trend in der Meinungsbildung
Das Regelfallszenario für eine Initiative lautet: Mit dem Abstimmungskampf steigt die Ablehnungsbereitschaft gegenüber einer Volksinitiative. Gleichzeitig sinkt die Zustimmungstendenz. Dieser Normalfall tritt dann nicht ein, wenn es zu einer eigentlichen Protestabstimmung kommt, weil der Problemdruck hoch ist und zusätzliche Stimmberechtigte mobilisiert werden.
Bei der Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» zeichnet sich in der zweiten Welle eher ein klassischer Initiativverlauf ab. Aus dem Patt der ersten Welle hat sich ein Nein-Trend herausgebildet. Gleichzeitig bleibt die Erwartungshaltung anders gelagert: Während die aktuelle Stimmabsicht Richtung Ablehnung tendiert, rechnet neu eine Mehrheit der teilnahmewilligen Stimmberechtigten mit einer Annahme der Initiative. Diese gegenläufige Entwicklung verweist darauf, dass das Anliegen gesellschaftlich weiterhin als resonanzfähig wahrgenommen wird, die konkrete Stimmabsicht sich aber stärker an den Risiken der Initiative orientiert.
Die Zuwanderungsfrage ist dabei nicht neu, sondern seit Jahren politisch vorgeprägt. Bereits die Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 hat gezeigt, dass Begrenzungsforderungen in der Schweiz mobilisierungsfähig sind und über das klassische SVP-Umfeld hinaus Resonanz entfalten können. Im Unterschied zu damaligen Abstimmungsdynamiken waren die Positionen im aktuellen Fall von vornherein gefestigt. Ein eigentlicher enttabuisierender Effekt ist deshalb nicht erkennbar.
Vielmehr treffen bekannte Belastungsargumente auf ebenso bekannte Gegenargumente zu Fachkräftebedarf, bilateralen Beziehungen und wirtschaftlichen Risiken.
Das Konfliktmuster bleibt stark politisch geprägt. Die Zustimmung ist weiterhin im Umfeld der SVP und bei regierungskritischen Stimmberechtigten besonders hoch. Die Ablehnung hat sich dagegen im linken Lager, in Teilen des politischen Zentrums, bei regierungsnahen Stimmberechtigten, bei hochgebildeten Personen, bei Frauen sowie in urbanen und französischsprachigen Gebieten gefestigt. Die Abstimmung dürfte vor allem im politischen Zentrum und bei parteiungebundenen Stimmberechtigten entschieden werden.
Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine Hinweise auf eine aussergewöhnliche Protestdynamik zugunsten der Initiative. Die Vorlage bewegt sich vielmehr im Rahmen eines klassischen, wenn auch weiterhin engen Abstimmungskampfes. Aufgrund der fortgeschrittenen Meinungsbildung dürften im weiteren Verlauf weniger grundsätzliche Positionswechsel als vielmehr Mobilisierungseffekte entscheidend sein. Zu berücksichtigen ist, dass die Befragung vor dem Messerangriff in Winterthur durchgeführt wurde. Solche Ereignisse können selbst bei vergleichsweise gefestigten Meinungsbildern kurzfristig die Mobilisierung einzelner Lager sowie die Gewichtung bestimmter Themen und Bewertungen beeinflussen. Ausschlaggebend wird sein, ob das Ja-Lager regierungskritische, ländliche und bildungsfernere Gruppen stärker mobilisieren kann – oder ob das Nein-Lager seine Konsolidierung bei Frauen, Hochgebildeten, urbanen und französischsprachigen Stimmberechtigten weiter absichert.
Gegenwärtige Stimmabsichten ausgeglichen
Wäre bereits am 23. Mai 2026 über die Änderung des Zivildienstgesetzes abgestimmt worden, hätte eine Pattsituation resultiert. 48 Prozent der Teilnahmewilligen wollen bestimmt oder eher für die Vorlage stimmen. 46 Prozent sind bestimmt oder eher dagegen. 6 Prozent sind weiterhin unentschieden (- 2ppt). Die Gegnerschaft konnte über den Kampagnenverlauf Boden gutmachen (+6 ppt.), während die Befürworterschaft an Unterstützung einbüsste (-4 ppt.)
Hinsichtlich des erwarteten Abstimmungsausgangs hat sich allerdings der Eindruck, die Vorlage werde angenommen, verfestigt. Gestiegene 65 Prozent (+ 4ppt.) der teilnahmewilligen Stimmberechtigten rechnen mit einer Annahme der Vorlage, 35 Prozent mit einer Ablehnung (-4 ppt.). Im Mittel wird der Ja-Anteil auf 51,6 Prozent geschätzt. Damit bleibt die Ausgangserwartung knapp auf der Ja-Seite, hat sich aber nur leicht zugunsten der Vorlage entwickelt.
Stand der Meinungsbildung: mittel bis fortgeschritten
68 Prozent der Teilnahmewilligen äussern eine gefestigte Meinung für oder gegen die Vorlage. Gegenüber der ersten Welle ist dieser Anteil deutlich gestiegen (+ 11ppt.). 6 Prozent bleiben unentschlossen (-2 ppt.). Knapp zwei Drittel der Stimmabsichten lassen sich mit den geprüften Argumenten erklären (der Erklärungsgrad der Regression beträgt 65,1%). Der Stand der Meinungsbildung ist damit als mittel bis fortgeschritten zu taxieren.
Zwar haben sich die Meinungen im Verlauf der Kampagne stärker verfestigt, gleichzeitig bleibt Raum für weitere Kampagnenwirkungen. Gerade aufgrund des praktisch ausgeglichenen Mehrheitsverhältnisses sind Mobilisierung und die weitere argumentative Rahmung in der Schlussphase entscheidend.
Vorläufiges Konfliktmuster: Primär politisch geprägt bei breitem Nein-Trend
Das Konfliktmuster bleibt primär politisch geprägt, hat sich über den Kampagnenverlauf aber weiter zugespitzt. Die stärkste Spaltung zeigt sich weiterhin entlang der Parteibindung. Die Basen der Grünen und der SP lehnen die Vorlage noch deutlicher ab als in der ersten Welle. Auch die GLP-Basis, die bereits in der ersten Welle relativmehrheitlich kritisch war, rückt weiter in Richtung eines Nein-Entscheides. Auf der bürgerlichen Seite bleibt die Zustimmung bei FDP und SVP hoch. Bei Mitte-Sympathisierenden und Parteiungebundenen geht die Zustimmung zwar zurück, es bleibt aber in beiden Gruppen bei zustimmenden Mehrheiten.
Auffällig bleibt das Muster nach Regierungsvertrauen. Bei Personen mit Vertrauen in die Regierung geht die Zustimmung zurück. Dadurch kippt diese Gruppe von einer relativen Ja-Mehrheit in Richtung Nein. Bei Personen mit Misstrauen gegenüber der Regierung hält sich die mehrheitliche Zustimmung. Damit bestätigt sich eine untypische Konstellation für eine Behördenvorlage: Die Vorlage wird von regierungskritischen Kreisen stärker unterstützt als von Teilnahmewilligen mit Vertrauen in die Regierung.
Der Nein-Trend erweist sich als breit. Bei Frauen kippt die Ausgangslage von einem Patt in eine knappe Nein-Mehrheit.
Bei Männern ist weniger Bewegung festzustellen, so dass die Zustimmung mehrheitlich bleibt.
Nach Alter bleibt die jüngste Gruppe kritisch, während sich in den beiden älteren Altersgruppen Ja-Mehrheiten halten trotz eines erkennbaren Nein-Trends.
Nach Sprachregion bleibt die deutschsprachige Schweiz am ehesten zustimmend, verliert aber an Ja-Anteil. In der französischsprachigen Schweiz bleibt die Vorlage weiterhin kritisch beurteilt. Der Nein-Anteil steigt dort auf eine absolute Mehrheit. In der italienischsprachigen Schweiz bleibt der Ja-Anteil stabil bei 50 Prozent, während die Unentschiedenheit zugunsten einer Zunahme des Nein-Anteils deutlich zurückgeht. Nach Siedlungsart zeigt sich ebenfalls in allen Räumen eine Verschiebung Richtung Nein: Ländliche und intermediäre Gebiete bleiben zustimmender, städtische Gebiete kippen in Richtung eines Nein-Entscheides.
Schichteffekte sind sichtbar, prägen das Konfliktmuster aber weniger stark. Nach Bildung geht die Zustimmung in allen Gruppen zurück oder bleibt höchstens stabil. Besonders bei Personen mit hoher Schulbildung rückt die Vorlage näher an eine Nein-Mehrheit. Bei allen Haushaltseinkommensklassen ist der Nein-Trend breit erkennbar, ohne dass ein klares und eigenständiges Einkommensmuster entsteht.
Argumente: Einsatzfähigkeit Armee sichern vs. unnötige Schwächung Zivildienst
Die Pro-Argumente zur Änderung des Zivildienstgesetzes bleiben stabil mehrheitsfähig. Am stärksten überzeugt weiterhin das Argument, dass die personelle Stärke und Einsatzfähigkeit der Schweizer Armee langfristig gesichert werden müsse (72% eher/voll einverstanden, -1 ppt.). Ebenfalls breit unterstützt bleibt die Aussage, Zivildienstpflichtige dürften gegenüber Militärdienstpflichtigen keine Vorteile bei Einsatzplanung und beruflicher Nutzung haben (67%, -2 ppt.). Und auch die Mindestdauer von 150 Diensttagen wird mit 58 Prozent weiterhin mehrheitlich befürwortet (-2 ppt.).
Die Contra-Argumente legen leicht zu, nur eines von ihnen erlangt jedoch mehrheitliche Unterstützung. Am meisten Zustimmung erhält die Kritik, wonach die Abschreckung vom Zivildienst der Gesellschaft schaden würde, weil wichtige Einsätze in Pflege, Bildung und Umwelt wegfielen (53%, +3 ppt.). Knapp dahinter folgt die Aussage, strengere Regeln schwächten den Zivildienst unnötig, ohne die Armee zu stärken (49%, +3 ppt.). Das Diskriminierungs- und Verfassungswidrigkeitsargument bleibt schwächer und erreicht lediglich 41 Prozent Zustimmung (+1 ppt.).
Indexiert bleibt damit zwar ein argumentativer Vorteil zugunsten der Vorlage bestehen, er fällt jedoch geringer aus als noch in der ersten Welle. 55 Prozent weisen einen argumentativen Überhang zur Ja-Seite auf, 38 Prozent einen solchen zur Nein-Seite, 7 Prozent bleiben indifferent. Die inhaltliche Nähe zum Ja ist jedoch im Sinken begriffen (-4 ppt), während jene zur Gegnerschaft zunimmt (+3 ppt).
Die Wirkungsanalyse bestätigt dieses Bild. Auf der Pro-Seite zahlen weiterhin alle drei Argumente positiv auf die Zustimmung zur Vorlage ein. Am stärksten wirkt das Argument zur langfristigen Sicherung der Armee. Ebenfalls relevant bleiben die Mindestdauer von 150 Diensttagen sowie die Vermeidung von Vorteilen gegenüber Militärdienstpflichtigen. Auf der Contra-Seite wirkt vor allem das Argument stark ablehnend, wonach strengere Regeln den Zivildienst unnötig schwächen würden, ohne die Armee zu stärken. Auch die Sorge um wegfallende gesellschaftliche Einsätze in Pflege, Bildung und Umwelt ist mit einer Nein-Stimmabsicht verknüpft.
Trend in der Meinungsbildung
Aus Sicht des Dispositionsansatzes ist die Meinungsbildung zur Änderung des Zivildienstgesetzes in der zweiten Welle offener geworden. Die Stimmabsichten zeigen keinen klaren Vorteil der Befürworterschaft mehr: Der Ja-Vorsprung aus der ersten Welle ist verschwunden, während der Nein-Anteil zugenommen hat. Für eine Behördenvorlage ist diese Dynamik bemerkenswert, weil sich normalerweise eher eine Annäherung an die Position von Bundesrat und Parlament zeigt.
Die Vorlage verfügt aber weiterhin über strukturelle Vorteile. Die zentralen Ja-Argumente bleiben mehrheitsfähig, insbesondere die Sicherung der personellen Stärke und Einsatzfähigkeit der Armee. Zudem erwartet eine Mehrheit der Teilnahmewilligen weiterhin eine Annahme der Vorlage. Gleichzeitig ist die Meinungsbildung nur mittel fortgeschritten, was bei einer Pattsituation Spielraum für weitere Kampagnen- und Mobilisierungseffekte lässt.
Im Zentrum steht dabei die Leadvorlage vom 14. Juni 2026, die Initiative zur «10-Millionen-Schweiz». Die Dynamik und die Effekte dieser Diskussion sind beide für die abschliessende Meinungsbildung zur Änderung des Zivildienstgesetzes mitentscheidend.
Die Dynamik spricht derzeit stärker für die Gegnerschaft. Der Nein-Trend zeigt sich breit über verschiedene gesellschaftliche Gruppen hinweg, und die Contra-Argumente gewinnen an Boden. Besonders wirksam ist die Kritik, strengere Regeln schwächten den Zivildienst unnötig, ohne die Armee zu stärken. Damit gelingt es der Nein-Seite zunehmend, Zweifel an der Vorlage zu aktivieren. Die Debatte verschiebt sich weg von einer sicherheitspolitischen Begründung hin zu einer stärkeren Abwägung zwischen Armeebedarf, Fairness gegenüber Militärdienstpflichtigen und gesellschaftlichem Nutzen des Zivildienstes.
Insgesamt spricht die Struktur weiterhin für die Befürworterschaft, die Dynamik jedoch für die Gegnerschaft. Der Ausgang bleibt damit offen.
Bisher überdurchschnittliche Teilnahmeabsicht für die Abstimmung vom 14. Juni 2026
Hinweis zur Interpretation der Teilnahmeabsicht: Die Auswertungen zur Teilnahmeabsicht basieren auf einer im Vergleich zur Gesamtstichprobe kleineren Fallzahl von N=514 Befragten (nur CATI-Interviews). Entsprechend ist der statistische Unsicherheitsbereich grösser; der Stichprobenfehler beträgt rund ±4.3 Prozentpunkte. Unterschiede und Veränderungen innerhalb dieser Auswertungen sind deshalb mit der gebotenen Vorsicht zu interpretieren, besonders in kleineren Subgruppen der Stichprobe (z.B. nach Partei, wo der Stichprobenfehler nochmals höher ausfällt).
Die bisher gemessene Beteiligungsbereitschaft für den 14. Juni 2026 liegt mit 54 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt (47.1% zwischen 2011 und 2024 gemäss BFS). Gegenüber der ersten Welle entspricht dies einem Anstieg um 4 Prozentpunkte. In dieser fortgeschrittenen Phase des Abstimmungskampfes bewegen die beiden Vorlagen somit breite Teile der Bevölkerung.
Der Wert dürfte aber mit näher rückendem Abstimmungssonntag noch ansteigen, so dass sich eine überdurchschnittliche Teilnahme am Urnengang vom 14. Juni 2026 abzeichnet.
Profil der Beteiligungswilligen
Besonders stark mobilisiert sind aktuell Sympathisierende der Grünen und der Mitte. Beide Gruppen haben sich im Vergleich zur ersten Welle deutlich stärker aktiviert. Auch GLP-Sympathisierende sind im Vergleich zur ersten Welle deutlich stärker mobilisiert, bleiben aber unter dem nationalen Mittel zurück. Bei SP-, FDP- und SVP-nahen Stimmberechtigten geht die feste Teilnahmeabsicht dagegen zurück. Trotz dieses Rückgangs bleiben Sympathisierende der SP und der SVP weiterhin überdurchschnittlich mobilisiert, während jene der FDP unter dem Durchschnitt mobilisiert sind. Und auch Parteiungebundene bleiben weiterhin klar unterdurchschnittlich mobilisiert.
Beim Regierungsvertrauen kehrt sich das Mobilisierungsmuster gegenüber der ersten Welle um. Stimmberechtigte mit Vertrauen in die Regierung weisen neu eine deutlich überdurchschnittliche feste Teilnahmeabsicht auf. Regierungsmisstrauische Kreise fallen demgegenüber unter den Durchschnitt zurück.
Nach Alterskategorien differenziert betrachtet zeigt sich eine klare Verschiebung der Mobilisierung zugunsten der älteren Stimmberechtigten. Bei unter 40-Jährigen ist die feste Teilnahmeabsicht zurückgegangen und liegt nun klar unter dem Durchschnitt.
Demgegenüber hat sie bei Stimmberechtigten über 40 Jahren zugenommen und liegt über dem Durchschnitt. Geschlechterspezifisch hat sich das Profil ebenfalls verschoben: Männer sind nun unterdurchschnittlich, Frauen überdurchschnittlich mobilisiert.
Nach Einkommen zeigt sich kein einheitlicher Trend: Deutlich zurückgegangen ist die feste Teilnahmeabsicht bei Stimmberechtigten mit einem Haushaltseinkommen bis 3’000 Franken, die klar unterdurchschnittlich mobilisiert sind. Personen mit sehr hohem Haushaltseinkommen bleiben dagegen besonders stark mobilisiert. Nach Bildung zeigt sich eine klare soziale Selektivität: Bei Personen mit hoher Bildung hat die feste Teilnahmeabsicht zugenommen und liegt über dem Durchschnitt, während sie bei Personen mit tiefer Bildung deutlich zurückgegangen ist und unterdurchschnittlich bleibt.
Sprachregional haben sich die Unterschiede leicht eingeebnet. Die deutschsprachige Schweiz bleibt leicht überdurchschnittlich mobilisiert, während die französisch- und die italienischsprachige Schweiz leicht unter dem Durchschnitt liegen, aber aufgeholt haben. In städtischen Gebieten liegt die feste Teilnahmeabsicht inzwischen über dem Durchschnitt, während ländliche und intermediäre Räume unterdurchschnittlich mobilisiert sind. Im Verlauf des Abstimmungskampfes dürfte die Debatte weitere Kreise erfassen. Dadurch kann sich die Zusammensetzung des Stimmkörpers bis zum 14. Juni 2026 noch verändern.
Zweite Welle der SRG-SSR-Trendbefragung zu den Volksabstimmungen vom 14. Juni 2026 vom Forschungsinstitut gfs.bern. Realisiert zwischen dem 19. Mai und dem 27. Mai 2026 bei 19’400 Stimmberechtigten. Der statistische Fehlerbereich beträgt +/-2.8 Prozentpunkte.
Der telefonische Teil der vorliegenden Befragung wurde vom gfs-Befragungsdienst realisiert, die Auswertung und Analyse der Daten nahm das Forschungsinstitut gfs.bern vor. Befragt wurde via eines RDD-Dualframe-Verfahrens per Festnetz und Handy.
Seit dem Herbst 2018 wird im Rahmen des SRG-Trend-Mandats die telefonische Umfrage durch eine Online-Befragung ergänzt mit dem Ziel die Stichprobengrösse in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz zu erhöhen.
Der Online-Teil wurde als Opt-in-Umfrage (Mitmachumfrage) über die Online-Portale der SRG SSR Medien durchgeführt. Seit Anfang 2024 wird mithilfe von Boomerang Ideas zudem systematisch auch über Social-Media-Kanäle befragt.
Aussagen über das Ständemehr können wir keine machen, denn die Fallzahl lässt gesicherte Rückschlüsse auf die Kantone nicht zu.
Weiterführende Informationen zur Theorie und der Methode der SRG-Trendumfragen finden sich hier.
Technischer Kurzbericht
Auftraggeber: CR-Konferenz der SRG SSR
Grundgesamtheit: Stimmberechtigte Schweizer:innen
Herkunft der Adressen CATI: Stichprobenplan Gabler/Häder für RDD/Dual-Frame; Verwendung Swiss-Interview-Liste,
Herkunft der Adressen Online: Opt-in-Befragung über die Webportale der SRG SSR
Datenerhebung: telefonisch, computergestützt (CATI) und Online
Art der Stichprobenziehung CATI: at random/Geburtstagsmethode im Haushalt geschichtet nach Sprachregionen
Art der Stichprobenziehung Online: offene Mitmachumfrage
Befragungszeitraum: 19. Mai– 27. Mai 2026
mittlerer Befragungstag: 23. Mai 2026
Stichprobengrösse: minimal 1’200, effektiv 19’400 (Cati: 514, Online: 18’387, Boomerang Ideas: 499), DCH: 15’625, n FCH: 3’307, n ICH:468
Stichprobenfehler: ± 2.8 Prozentpunkte bei einem Wert von 50% (und 95%iger Wahrscheinlichkeit)
Quotenmerkmale CATI: Sprachregion
Quotenmerkmale Online: keine
Gewichtung: Dual-Frame-Gewichtung, Sprache, Siedlungsart, Parteiaffinität, Recall, Teilnahme, Methode
mittlere Befragungsdauer CATI: 11.3 Minuten (Standardabweichung: 2.7 Minuten)
Publikation: 03. Juni 2026, 6h00