Prävention als zentrales Thema für die Reformierte Kirche

Grenzverletzungen erkennen und Schutzmassnahmen wie klare und transparente Meldewege etablieren

Reformierte Kirche Kanton Luzern

Im Auftrag der Reformierten Kirche Kanton Luzern hat gfs.bern eine Studie zum Thema «Grenzverletzungen» in der Reformierten Kirche im Kanton Luzern durchgeführt. Diese Studie zielt darauf ab, die Mitglieder auf Grenzverletzungen zu sensibilisieren und sie davor zu schützen.

Von rund 4’000 angeschriebenen Mitgliedern haben rund 750 Personen an der Online-Befragung teilgenommen.

Weitere Informationen zur Methode finden sich am Ende des Cockpits.

Ausgangslage

Die Mitglieder der Reformierten Kirche Kanton Luzern finden, dass im Grossen und Ganzen die Reformierte Kirche Kanton Luzern ihre gesellschaftliche Verantwortung gut wahrnimmt. Ein Wert von 6.4 auf einer 10er-Skala kann als knapp gut angesehen werden.

Im Vergleich werden Vereine etwas besser bewertet (6.6), Behörden und die Politik etwas schlechter (6.1).

Die Katholische Kirche im Kanton Luzern wird hingegen mit 4.7 klar schlechter bewertet.

Auch im Vergleich zu 2023 hat sich nicht viel verändert: Die Reformierten wurden mit 6.5 minimal besser, die Katholische Kirche mit 4.3 etwas schlechter bewertet als heute.

Die Reformierte Kirche Kanton Luzern hat also eine gute Basis, um die Thematik der Grenzverletzungen aufzuarbeiten.

Den Mitgliedern wurden verschiedene Aussagen zum Thema Macht, Nähe und Grenzverletzungen gezeigt, denen sie zustimmen oder die sie ablehnen konnten. Denn überall, wo Menschen zusammenarbeiten, gibt es zwischenmenschliche Dynamiken, die mit Macht, Nähe und Grenzverletzungen im Zusammenhang stehen können, so auch in der Kirche.

Die Mitglieder sind sich vor allem bei einer zentralen Aussage einig: 83 Prozent der Mitglieder finden es wichtig, dass über Grenzverletzungen gesprochen wird und Schutzmechanismen allen bekannt sind, weil die Kirche von Nähe, Emotionen und dem Miteinander lebt.

Ebenfalls klare Mehrheiten finden sich für folgende drei Aussagen:

  • 64 Prozent finden, dass emotionale Nähe im kirchlichen Kontext zentral ist und darauf nicht verzichtet werden kann.
  • 62 Prozent stimmen zu, dass kirchliche Mitarbeitende professionell mit Nähe, Macht und Emotionalität umgehen.
  • 62 Prozent können klar zwischen normalem Miteinander und einer Grenzverletzung unterscheiden (23 Prozent finden das schwierig).

Gut der Hälfte der Mitglieder ist klar, dass Seelsorgegespräche Situationen schaffen können, die sehr verletzlich machen (51%). Hier gibt es kaum Widerspruch (22%).

Umstritten sind folgende drei Aussagen:

  • Dass gewisse Personen mehr Macht haben, ist in der Kirche unausweichlich. Hierbei stimmen 42 Prozent zu, 43 Prozent sind anderer Meinung.
  • Bei der Aussage, dass körperliche Nähe wie eine Umarmung Teil des gemeinsamen Kirchenlebens ist, stimmen 39 Prozent zu, 48 Prozent sind gegenteiliger Meinung.
  • Und dass zu oft mit spiritueller Macht (z.B. Gott möchte, dass…) unnötig Druck ausgeübt wird, finden 36 Prozent, wohingegen 42 Prozent anderer Meinung sind.

Insgesamt zeigt sich ein differenziertes Bild: Die Mitglieder befürworten klar Transparenz und Sensibilisierung im Umgang mit Grenzverletzungen und erkennen die besondere Verantwortung der Kirche in einem von Nähe und Emotionen geprägten Umfeld an. Gleichzeitig besteht ein ausgeprägtes Bewusstsein für Professionalität und für die Notwendigkeit, zwischen angemessenem Miteinander und Grenzverletzungen zu unterscheiden. Uneinigkeit herrscht hingegen dort, wo es um strukturelle Machtverhältnisse, körperliche Nähe oder den möglichen Missbrauch spiritueller Autorität geht. Diese Spannungsfelder verweisen darauf, dass Macht und Nähe im kirchlichen Kontext zwar als zentral wahrgenommen werden, ihre konkrete Ausgestaltung jedoch unterschiedlich bewertet wird.

Grenzverletzungen

Als Antworten auf die Frage, wie oft eine Grenzverletzung in der Reformierten Kirche im Kanton Luzern geschieht, gibt es zwei zentrale Resultate:

  • Zum einen können rund die Hälfte der Mitglieder diese Frage nicht beantworten. Das kann ein Hinweis sein, dass die Mitglieder zu wenig zu diesem Thema wissen respektive noch mehr Informationen brauchen, um sich dazu eine Meinung zu bilden.
  • Zum anderen zeigt sich, dass die Häufigkeit eher gering eingeschätzt wird.

Im Detail zeigt sich, dass am häufigsten spirituelle Grenzverletzungen geschehen (3% summiert «immer», «sehr oft» und «eher oft»), gefolgt von psychischen (2%), körperlichen (1%) und sexuellen (1%).

Die Kategorie «teils teils» verstärkt diese Rangfolge, da in dieser Kategorie 9 Prozent spirituelle Grenzverletzungen, 6 Prozent psychische, 4 Prozent körperliche und 3 Prozent sexuelle Grenzverletzungen genannt werden.

Die Mitglieder haben eine relativ klare Rangfolge, welche Situationen besonders risikoreich für Grenzverletzungen sind.

Für die meisten sind es Einzelgespräche hinter geschlossenen Türen (28%) und Gespräche über persönliche Sexualität oder Partnerschaft (24%), die sehr hohes oder eher hohes Risiko bergen.

Etwas weniger risikoreich werden Hausbesuche (17%) oder Freizeitaktivitäten mit Kindern oder Jugendlichen (15%) oder Sozialarbeit mit hilfesuchenden Menschen (15%) bewertet. Auch Umarmungen oder körperliche Gesten beim Begrüssen und Verabschieden werden von 11 Prozent als risikoreich angesehen.

Tendenziell mit geringem Risiko verbunden werden Gebete oder Segnungen in emotionalen Situationen (7%), Situationen am Arbeitsplatz (7%), Kleingruppengespräche (5%), Abendveranstaltungen (4%), Ausflüge mit Mitgliedern der Kirche (3%), Grossveranstaltungen (2%) oder Gottesdienste am Vormittag (1%) angesehen.

Insgesamt gibt es also Situationen, in denen vulnerable Gruppen sich in eher risikoreiche Situationen begeben oder sich thematisch aufgrund der Emotionalität und der Nähe ein Risiko für Grenzverletzungen ergeben kann.

Persönliche Erlebnisse

Von allen befragten Mitgliedern haben 4 Prozent bereits einmal eine Grenzverletzung in der Reformierten Kirche Kanton Luzern erlebt. Das sind 29 von 774 Personen. 4 Prozent wählten hier «weiss nicht/keine Antwort» als passende Antwortkategorie.

Aufgeschlüsselt nach den vier Kategorien der erlebten Grenzverletzungen, wobei mehrere Grenzverletzungen gleichzeitig angegeben werden konnten, liegen die psychischen Grenzverletzungen an der Spitze (58%). 21 Prozent gaben an, (auch) eine sexuelle Grenzverletzung erlebt zu haben. 14 Prozent gaben an, (auch) eine körperliche und/oder spirituelle Grenzverletzung erlebt zu haben. 7 Prozent konnten nicht entsprechend kategorisieren.

Für die Hälfte der Betroffenen bestand die Grenzverletzung aus einer verletzenden oder abwertenden Aussage (55%), bei einem Drittel aus unangemessener Macht/Autorität (35%) und bei einem Fünftel aus Druck zur Teilnahme an Aktivitäten (21%).

In fast allen Fällen war die Person, welche die Grenzverletzung ausgeübt hat, der betroffenen Person gegenüber höher gestellt (79%). 10 Prozent der befragten und betroffenen Personen waren gleichgestellt.

Ein Drittel hatte in der Situation die Möglichkeit zur Gegenwehr (38%) und 55 Prozent konnten im Nachhinein darüber sprechen – in den meisten Fällen mit Mitarbeitenden der Reformierten Kirche im Kanton Luzern (44%), aber auch mit der Familie bzw. mit Freunden (31%).

Massnahmen

Fast alle vorgeschlagene Massnahmen stossen bei den Mitgliedern auf Anklang. Insgesamt gibt es wenig Differenzen.

Auf grossen Anklang stossen folgende Massnahmen (83-86% Zustimmung):

  • Klar definierte, zugängliche Meldewege
  • Förderung einer offenen Melde- und Fehlerkultur
  • Transparente Abläufe im Umgang mit gemeldeten Fällen
  • Verbindliche Anwendung des Verhaltenskodex
  • Unabhängige externe Meldestellen
  • Verbindliche Dokumentationspflicht
  • Führungsmassnahmen bei Fehlverhalten ohne strafrechtliche Relevanz

Ebenfalls sehr hohe Zustimmung erhalten folgende vier Massnahmen (77-81%):

  • Klare Rollen- und Zuständigkeitsdefinitionen
  • Kompetenz der Leitungspersonen für anspruchsvolle Führungsgespräche rund um Fehlverhalten
  • Verpflichtende Schulungen zu Macht, Nähe und Grenzverletzungen
  • Sensibilisierung der gesamten Kirchgemeinde

Am wenigsten, aber immer noch sehr viel Zustimmung erhalten folgende zwei Massnahmen:

  • Regelmässige öffentliche Berichte zur Prävention und Fallbearbeitung
  • Regelmässige Reflexions- und Supervisionsangebote

Insgesamt sind die Mitglieder sehr offen gegenüber allen vorgeschlagenen Massnahmen.

 

 

Von wem man sich mehr Engagement wünscht, hängt auch mit der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung zusammen.

Während die wahrgenommene gesellschaftliche Verantwortung bei der Katholischen Kirche (53%) und bei Behörden und Politik (42%) etwas tiefer ist, wird auch mehr Engagement beim Thema Grenzverletzungen gewünscht.

Bei Vereinen (38%) und der Reformierten Kirche Kanton Luzern (29%) ist die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung hoch, und entsprechend der Wunsch nach mehr Engagement beim Thema Grenzverletzungen kleiner.

Auf die Frage, ob beim Thema Grenzverletzung zurückgeschaut werden soll oder nach vorne, zeigt sich auch ein klares Bild:

 

  • Grundsätzlich ist es wichtiger, nach vorne zu schauen und Schutzmechanismen zu etablieren. Das finden 85 Prozent sehr oder eher wichtig.
  • Jedoch ist es auch einer klaren Mehrheit wichtig, auch zurückzuschauen und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Diese Meinung vertreten 71 Prozent der Befragten.

Auf die eigene Kirchgemeinde heruntergebrochen zeigt sich auch, dass ein Wunsch nach mehr Engagement besteht.

  • Für 39 Prozent ist dies auch ein zentrales Thema für die Zukunft ihrer Kirchgemeinde. 16 Prozent sind anderer Meinung.
  • Ebenfalls 39 Prozent finden, dass in der eigenen Kirchgemeinde die Grenzverletzungen der letzten Jahre aufgearbeitet werden sollen. 20 Prozent sind gegenteiliger Meinung.
  • Während 22 Prozent finden, dass die eigene Kirchgemeinde sich in diesem Thema bereits genug engagiert, sind 9 Prozent anderer Meinung. 56 Prozent gaben hier keine Antwort, was auf eine Wissenslücke hindeutet.

Insgesamt gibt es eine relative Mehrheit, die dieses Thema wichtig findet, insbesondere für die Zukunft der Kirche und ein Bedürfnis nach Sensibilisierung und Kommunikation kundtut.

Synthese

Solide Vertrauensbasis

Die Reformierte Kirche Kanton Luzern wird von ihren Mitgliedern insgesamt positiv wahrgenommen und erfüllt ihre gesellschaftliche Verantwortung aus Sicht der Befragten gut. Im Vergleich zu Behörden, Politik und insbesondere zur Katholischen Kirche schneidet sie klar besser ab. Diese Vertrauensbasis bildet eine wichtige Voraussetzung, um das sensible Thema Grenzverletzungen glaubwürdig anzugehen.

Hohe Sensibilität für Nähe

Eine breite Mehrheit ist sich bewusst, dass kirchliche Arbeit von Nähe, Emotionen und persönlichen Beziehungen geprägt ist. Entsprechend gross ist das Einverständnis, dass Grenzverletzungen thematisiert und Schutzmechanismen transparent gemacht werden müssen. Gleichzeitig wird emotionale Nähe nicht grundsätzlich infrage gestellt, sondern als zentraler Bestandteil kirchlichen Lebens verstanden.

Uneinigkeit bei Machtfragen

Bei Fragen zu Machtverhältnissen und körperlicher Nähe zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Mitglieder sind gespalten, ob Macht in der Kirche unvermeidbar ist und wie selbstverständlich körperliche Nähe dazugehört. Auch der Umgang mit spiritueller Autorität wird nicht einheitlich bewertet, was auf unterschiedliche Erfahrungen und Erwartungen hinweist.

Unsicherheit Grenzverletzung

Grenzverletzungen werden insgesamt als eher selten eingeschätzt, wobei viele Mitglieder die Häufigkeit nicht beurteilen können. Am ehesten werden spirituelle Grenzverletzungen wahrgenommen, während sexuelle Grenzverletzungen am seltensten genannt werden. Die hohe Unsicherheit deutet auf einen Informationsbedarf hin.

Risikoreiche Situationen erkannt

Einzelgespräche hinter geschlossenen Türen und Gespräche über Sexualität oder Partnerschaft gelten als besonders risikobehaftet. Auch Hausbesuche sowie die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder hilfesuchenden Menschen werden als potenziell sensibel eingeschätzt. Öffentliche und strukturierte kirchliche Settings gelten hingegen als deutlich weniger riskant.

29 Situationen

29 Personen berichten von persönlich erlebten Grenzverletzungen. Ebenso viele geben an, nicht zu wissen, ob sie schon einmal eine Grenzverletzung erlebt haben. Meist geht es um psychische Grenzverletzungen oder unangemessenen Machteinsatz durch hierarchisch höhergestellte Personen.

Breite Zustimmung zu Massnahmen

Die vorgeschlagenen Präventions- und Interventionsmassnahmen stossen nahezu durchwegs auf sehr hohe Zustimmung. Besonders wichtig sind klare Meldewege, Transparenz im Umgang mit Fällen und verbindliche Standards für Mitarbeitende. Auch Schulungen und Sensibilisierung der gesamten Kirchgemeinde werden stark unterstützt.

Blick nach vorne, ohne zu vergessen

Die Mitglieder wünschen sich klar, dass der Fokus auf zukünftiger Prävention und wirksamen Schutzmechanismen liegt. Gleichzeitig besteht ein deutliches Bedürfnis, vergangene Grenzverletzungen aufzuarbeiten. Für viele ist das Thema zentral für die Zukunft der eigenen Kirchgemeinde und erfordert mehr Kommunikation und Sichtbarkeit.

Methodenbox

Auftraggeberin: Reformierte Kirche Kanton Luzern

Grundgesamtheit: Mitgliederverzeichnis Reformierte Kirche Kanton Luzern

Herkunft der Adressen: Reformierte Kirche Kanton Luzern

Datenerhebung: Online via brieflicher Einladung

Stichprobengrösse: Total Befragte N = 774 nach Gemeinde:

  • Escholzmatt 19
  • Dagmersellen 14
  • Hochdorf 73
  • Luzern 308
  • Meggen-Adligenswil-Udligenswil 49
  • Reiden und Umgebung 36
  • Sursee 112
  • Willisau-Hüswil 30
  • Wolhusen 21
  • weiss nicht/keine Antwort 69

Art der Stichprobenziehung: quotiert nach Alter, Geschlecht, Kirchgemeinde

Stichprobenfehler: ±3.4 Prozent bei 50/50 und 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit

Befragungszeitraum: vom 14.01.2026 bis 04.02.2026