Nahtstellenbarometer

Zentrale Ergebnisse August

Umfrage bei Jugendlichen und Unternehmen im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI

Studienziele und -design

Ziel des Nahtstellenbarometers ist die Erfassung von Bildungsentscheiden von Jugendlichen am Ende ihrer obligatorischen Schulzeit und das Einschätzen der Situation auf dem Schweizer Lehrstellenmarkt.

 

Zu diesem Zweck wird jährlich eine dreisprachige Online-Umfrage in zwei Erhebungswellen (April und August) bei Jugendlichen im Alter von 14-16 Jahren und Unternehmen mit mindestens 2 Angestellten durchgeführt.

Das Wichtigste in Kürze

Jugendliche

Von den 86’964 Jugendlichen, die im Sommer ihre obligatorische Schulzeit abschlossen, haben 48 Prozent eine berufliche Grundbildung begonnen und 40 Prozent den allgemeinbildenden Weg eingeschlagen. 12 Prozent mussten auf eine Zwischenlösung ausweichen: davon sind 9 Prozent in Brückenangebote eingetreten und 3 Prozent realisieren ein Zwischenjahr.

Unternehmen

Der Grossteil der 23 Prozent ausbildender Unternehmen, die an der Umfrage teilnahmen, hat das Lehrstellenangebot verglichen mit dem Vorjahr konstant gehalten (71%). 11 Prozent der Unternehmen bieten mehr Lehrstellen an als im Vorjahr, 8 Prozent weniger. Vordergründig scheint der Problemdruck durch Corona in Bezug auf die Lehrstellensituation damit auch bei ausbildenden Unternehmen nicht massiv.

Situation Schweizer Lehrstellenmarkt

88 Prozent der angebotenen Lehrstellen konnten besetzt werden. Dieser Wert liegt nahe bei den Werten aus den Vorjahren und verweist trotz der andauernden Pandemie auf keine speziellen Probleme bei der Lehrstellenvergabe.

Jugendliche an der Nahtstelle I

Allgemeine Befindlichkeit der Jugendlichen an der Nahtstelle I

Grundsätzlich bleibt die Zufriedenheit mit dem eingeschlagenen Ausbildungsweg hoch: Die Ausbildungswahl war für die überwiegende Mehrheit eine freie Entscheidung (94% trifft eher oder voll und ganz zu) und sie entspricht den eigenen Fähigkeiten und Interessen (91%). Weiter freuen sich die befragten Jugendlichen in grosser Mehrheit auf ihre Ausbildung (92%) und beschreiben sie gar als Traumausbildung oder Wunschlösung (84%).

 

82 Prozent der Jugendlichen starteten im Sommer mit ihrer favorisierten Ausbildung gemäss April-Umfrage, wobei dieser Wert nach einem Hoch im Jahr 2019 leicht abnahm (2018: 81%, 2019: 86%, 2020: 84%, 2021: 82%). Die Pandemie hat Spuren hinterlassen. Für deutlich gestiegene 34 Prozent der Jugendlichen trifft beispielsweise zu, dass die Corona-Krise ihre Ausbildungswahl erschwert habe (+15%-punkte).

Ausbildungswahl nach obligatorischer Schulzeit

Erstmals seit 2018 beginnen wieder mehr Jugendliche die berufliche Grundbildung. Dabei zeichnen eher die jungen Frauen diese Trendwende. Der bisherige Trend weg von der beruflichen Grundbildung hin zum allgemeinbildenden Weg reisst damit 2021 erstmals ab.

Eine berufliche Grundbildung – sei es in Form einer Lehre (37’593/43%) oder einer schulischen Lösung (4’117/5%) – bleibt die am häufigsten gewählte Option nach der obligatorischen Schulzeit.

 

Ähnlich viele Jugendliche wie in den Vorjahren nehmen nach der obligatorischen Schulzeit ein Brückenangebot wahr (7’766/9%), wobei sich das Geschlechterverhältnis 2021 ausgewogen präsentiert (Männer: 9%, Frauen: 8%).

Bemerkenswert ist der Umstand, dass auch im zweiten Pandemiejahr 2021 81 Prozent der Jugendlichen mit der ersten Wahl für ihre Ausbildung starten konnten. 8 Prozent mussten auf ihre zweite Priorität ausweichen, und seit 2018 machen stabile 11 Prozent etwas anderes als ihre erste oder zweite Priorität.

Berufliche Grundbildung

Unter der Kategorie berufliche Grundbildung (41’711) finden sich Jugendliche, die eine Berufslehre beginnen (37’593/90%), und solche, die eine schulische berufliche Grundbildung (4’117/10%) starten, zusammengefasst.

Unter den Neu-Lernenden finden sich erneut mehr Männer (22’634/60%) als Frauen (14’959/40%).

 

Die Schere schliesst sich 2021 wieder etwas (2018/2019/2020: 59%/58%/63% Männer und 41%/42%/37% Frauen). Erneut bestätigen sich 2021 deutliche Unterschiede in den Lehrberuf-Präferenzen der Geschlechter.

Top 10 Lehrberufe Frauen

Kauffrau
Fachfrau Gesundheit
Mediamatikerin
Medizinische Praxisassistentin
Pharma-Assistentin
Detailhandelsfachfrau
Fachfrau Betreuung
Tierpflegerin
Augenoptikerin
Drogistin

Top 10 Lehrberufe Männer

Informatiker
Kaufmann
Koch
Elektroinstallateur
Metallbauer
Pharma-Assistent
Zeichner
Automatiker
Polymechaniker
Zimmermann

Mittelschulen

Insgesamt haben 34’723 Jugendliche nach den Sommerferien eine Mittelschule begonnen (40%). 27’187 (78%) von ihnen besuchen ein Gymnasium oder eine Kantonsschule, 7’536 (22%) eine Fachmittelschule. Auch 2021 haben wieder mehr Frauen (20’906/60%) mit einer Mittelschule begonnen als Männer (13’817/40%). Das ist ein bekanntes und ziemlich stabiles Verhältnis.

Die am häufigsten gewählten Schwerpunkte sind für Gymnasien und Fachmittelschulen untenstehend abgebildet.

 

Deutlich weniger Zulauf haben 2021 dagegen Schwerpunkte in den Bereichen Physik und Anwendungen der Mathematik sowie das neusprachliche Profil.

Die Schwerpunktwahl in Fachmittelschulen folgt keinen eindeutigen Trends. Der neue Spitzenreiter Pädagogik verweist den bisherigen (Gesundheit) auf den zweiten Rang. Hohe 20 Prozent geben an, ihren Schwerpunkt noch nicht festgelegt zu haben.

Lehrstellensituation der Unternehmen

Lehrstellenangebot und -vergabe

23 Prozent der Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, bieten Lehrstellen an. 88 Prozent dieser Lehrstellen konnten Stand August 2021 besetzt werden. Somit sind auch 2021 keine speziellen Schwierigkeiten bei der Lehrstellenvergabe zu beobachten. Es sind ähnlich viele Lehrstellen besetzt worden wie zum gleichen Zeitpunkt in den Vorjahren (2018: 86%, 2019: 88%, 2020: 90%).

Die Aufschlüsselung der Lehrstellensituation nach Branchen liefert untenstehende Grafik. Drei Branchen stellen über die Hälfte des Lehrstellenangebots: Die Handelsbranche, das Gesundheits- und Sozialwesen sowie das verarbeitende Gewerbe. In der Handelsbranche und dem Gesundheits- und Sozialwesen steigt das Lehrstellenangebot seit 2018 kontinuierlich an.

 

Die Entwicklung des Lehrstellenangebots im verarbeitenden Gewerbe verläuft dagegen nicht konstant in eine Richtung. Vielmehr zeichnen Schwankungen von Jahr zu Jahr das Bild dieser und vieler anderer Branchen. Diese kurzfristigen Schwankungen gegenüber dem Vorjahr bewegen sich in allen Branchen im Bereich des Stichprobenfehlers. Sie sind statistisch gesprochen nicht relevant.

In der viertstärksten ausbildenden Branche, dem Baugewerbe, ist das Lehrstellenangebot 2021 erstmals nicht weiter rückläufig. Konstant rückläufig ist das Lehrstellenangebot in der Verkehrsbranche und der Sammelkategorie ‚Andere Branchen‘. Bewegten sich diese beiden Branchen zu Beginn der Untersuchungsreihe noch im oberen Mittelfeld, stellen sie 2021 die wenigsten Lehrstellen.

Erhöhte Schwierigkeiten bei der Vergabe von Lehrstellen zeigen sich 2021 im Baugewerbe sowie in der Land- und Forstwirtschaft, wo im August noch rund jede vierte Lehrstelle unbesetzt blieb. In der Verkehrsbranche war es fast jede Fünfte. Im Vergleich zum Vorjahr stechen 2021 die Land- und Forstwirtschaft, die Verkehrsbranche,

das Gastgewerbe und die Baubranche ins Auge. In all diesen Branchen sind die Anteile offener Lehrstellen deutlich angestiegen. Weniger offene Lehrstellen als im Vorjahr finden sich einzig in der Sammelkategorie ‚Andere Branchen‘ und bei freiberuflichen Dienstleistungen.

Technische Eckdaten

Jugendliche

Zielgruppe: 14-16-jährige Einwohner:innen, die an der April-Umfrage teilgenommen haben und die obligatorische Schulzeit im Sommer abgeschlossen haben

Adressbasis: Stichprobenrahmen des Bundesamtes für Statistik

Befragungsmethode: schriftliche Befragung (online)

Befragungszeitraum: 14.07. – 13.09.2021

Total Befragte: N = 1’637

Fehlerbereich: ± 2.4 Prozent bei 50/50 und 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit

Ausschöpfung: 55%

Gewichtung: Stufe 1: Anzahl Jugendliche nach Kanton; Stufe 2: Alter/Geschlecht verknüpft pro Kanton

Unternehmen

Zielgruppe: Unternehmen mit mindestens 2 Mitarbeitenden, die an der April-Umfrage teilgenommen haben

Adressbasis: Unternehmensregister des Bundesamtes für Statistik

Befragungsmethode: schriftliche Befragung (Online/Papier)

Befragungszeitraum: 14.07. – 06.09.2021

Total Befragte: N = 3’311

Fehlerbereich: ± 1.7 Prozent bei 50/50 und 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit

Ausschöpfung: 68%

Gewichtung: Stufe 1: Anzahl Unternehmen nach Sprachregion; Stufe 2: Unternehmen nach Noga-Codes verknüpft pro Sprachregion

Projektteam gfs.bern

Lukas Golder: Politik- und Medienwissenschaftler

Martina Mousson: Politikwissenschaftlerin

 

Externe Beratung

Prof. Dr. Stefan C. Wolter, Professor für Bildungsökonomie, Universität Bern