Hohe Zustimmung zum Paket EU Schweiz

MRA und Personenfreizügigkeit als Schlüsselthemen, Folgen des weggefallenen MRA deutlich spürbar

Mitgliederbefragung im Auftrag Swiss Medtech

Swiss Medtech hat gfs.bern mit einer umfassenden Befragung seiner Mitglieder beauf-tragt, um die Haltung der Branche zum neuen Paket Schweiz–EU zu erheben. Das Paket zielt darauf ab, die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.

Die Erhebung liefert ein detailliertes Bild davon, wie die Swiss Medtech Mitglieder die aktuell bestehenden bilateralen Abkommen bewerten und welche Bedeutung den einzelnen Elementen des neuen Pakets beigemessen wird.

Im Fokus der Analyse steht die generelle Haltung zum Paket, aber auch das Verständnis dafür, welche wirtschaftlichen und politischen Aspekte die Positionen unter den Swiss Medtech Mitgliedern prägen. Zusätzlich wurden branchenspezifische Erfahrungen – wie die Folgen des Wegfalls des Mutual Recognition Agreement (MRA) im Jahr 2021 – untersucht.

Bisheriger bilateraler Weg

Rund acht von zehn Unternehmen der Swiss Medtech Mitglieder stehen klar hinter dem bisherigen bilateralen Weg und messen zugleich dem Erhalt der bestehenden Abkommen hohe Bedeutung bei (81%).

Diese doppelte Zustimmung unterstreicht, dass stabile vertragliche Beziehungen zur EU für die Medtech-Branche einen zentralen Stellenwert haben.

Bei den einzelnen Aspekten der bilateralen Beziehungen sticht der direkte Marktzugang über ein Mutual Recognition Agreement (MRA) klar heraus: 85 Prozent bewerten diesen Zugang als wichtig. Die Personenfreizügigkeit erachten zwei Drittel der Swiss Medtech Mitglieder als bedeutend. Sie zählt damit ebenfalls zu den meistgenannten Schlüsselfaktoren.

Beide Schlüsselfaktoren gelten als entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit – sei es durch den Zugang zu qualifizierten Fachkräften oder durch die regulatorische Anerkennung von Produkten in der EU. Weitere Aspekte wie das Schengen Abkommen (58%) oder Horizon Europe (50%) werden ebenfalls als wichtig angesehen, liegen jedoch vergleichsweise klar hinter den zwei Spitzenwerten. Das Dubliner Abkommen wird aus unternehmerischer Sicht als unwichtigster Bestandteil wahrgenommen.

Folgenabschätzung

Das Mutual Recognition Agreement (MRA) regelt die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen zwischen der Schweiz und der EU und ist ein zentraler Baustein für den hindernisfreien Handel mit Medizinprodukten zwischen der Schweiz und der EU. Seit dem Wegfall des MRA im Mai 2021 ist die Medtech-Branche direkt mit den Folgen der Erosion der bilateralen Beziehungen konfrontiert. Laut Swiss Medtech Mitgliedern sind die Folgen erkennbar: Eine Mehrheit der Unternehmen (60% respektive 193 Unternehmen) berichten von einem eher hohen oder sehr hohen zusätzlichen betrieblichen Aufwand, sei er finanziell, personell und organisatorisch.

Noch klarer fällt das Urteil zur Wettbewerbsfähigkeit aus: 77 Prozent (respektive 248 Unternehmen) sehen im Wegfall des MRAs eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit des Medtech-Standortes Schweiz. Diese Einschätzung zieht sich durch alle Unternehmensgrössen und Sprachregionen und verdeutlicht, wie stark die gesamte Branche durch die zusätzlichen Markthürden belastet wird.

Aus unternehmerischer Sicht werden vor allem wirtschaftsnahe Entwicklungen als besonders vorteilhaft für die Wettbewerbsfähigkeit der Medtech-Branche eingeschätzt. An erster Stelle steht die vollständige Einbindung der Schweiz in EU-Forschungsprogramme wie Horizon Europe (66%), gefolgt von einer verstärkten wirtschaftspolitischen Ausrichtung auf Drittstaaten wie die USA, China oder das Vereinigte Königreich (57%) sowie der Sicherung der Personenfreizügigkeit mit der EU (56%). Eine Mehrheit erachtet eine verstärkte wirtschaftspolitische Orientierung an Drittstaaten als eher bis sehr vorteilhaft, zugleich zeigt sich auch ein klares Signal für eine intensivierte Zusammenarbeit mit der EU: Nur gerade 14 Prozent erachten es als vorteilhaft als Drittstaat zu verbleiben ohne vollständigen EU-Zugang für Medizinprodukte.

Dieser Umstand spricht klar für eine diversifizierte Strategie, um ein günstiges Wettbewerbsklima für die Medtech-Branche zu sichern.

Demgegenüber werden ideologische und institutionelle Aspekte deutlich weniger klar als vorteilhaft für die Wettbewerbsfähigkeit erkannt. Themen wie ein institutioneller Streitbeilegungsmechanismus mit der EU (37%), politische Fragen zu Neutralität und Souveränität (37%) oder eine gemeinsame Regelung von Migration und Asylwesen (32%) werden häufiger neutral beurteilt. Die Einschätzungen fallen hier ausgewogener aus, und der Anteil der Unternehmen, die einen klaren Vorteil erkennen, ist deutlich geringer als bei den wirtschaftsnahen Entwicklungen.

Paket Schweiz-EU

Eine klare Mehrheit der Swiss Medtech-Unternehmen steht dem neuen Paket Schweiz–EU positiv gegenüber: Rund zwei Drittel würden es Stand heute unterstützen. Dabei zeigt sich folgende Positionierung: 44 Prozent sind (eher) dafür, 19 Prozent würden dem Paket vorbehaltlos zustimmen. Ablehnend äussern sich insgesamt 11 Prozent. Rund ein Viertel ist unentschlossen: 13 Prozent haben noch keine Haltung gebildet. Ebenso viele machen keine Angabe.

Unter den Befürwortern des Pakets dominieren wirtschaftliche und kooperationsbezogene Argumente.

Am häufigsten werden das Gesundheitsabkommen und die gesicherte Beteiligung an EU-Programmen in den Bereichen Forschung und Innovation (je 49%) genannt. Ebenfalls wichtig sind die Personenfreizügigkeit (38%) sowie institutionelle Elemente wie einheitliche Rechtsauslegung und Streitbeilegung (32%).

Die Gegner des Pakets nennen vor allem politische und institutionelle Gründe. Spitzenreiter ist mit deutlichem Abstand die Ablehnung institutioneller Elemente wie dynamische Rechtsübernahme (72%), gefolgt von Vorbehalten zur Personenfreizügigkeit (52%) und zum verstetigten Schweizer Beitrag an die EU (51%).

In der frühen Phase der Meinungsbildung beurteilt die Hälfte der befragten Unternehmen ihren eigenen Informationsstand zum Paket als nicht gut.

Demgegenüber stehen 43 Prozent, die sich gut informiert fühlen. Mit näher rückendem Abstimmungstermin ist zu erwarten, dass der Informationsstand wächst und sich die Haltung zunehmend festigt.

Um den Wirkungszusammenhang zwischen der Bewertung einzelner Aspekte der bilateralen Beziehungen und der Zustimmung zum neuen Paket Schweiz–EU besser zu verstehen, bietet sich eine Regressionsanalyse an. Anhand der hier gerechneten Regressionsanalyse wird ersichtlich, welche Aspekte einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Zustimmung zum Paket haben, wenn alle weiteren Faktoren wie beispielsweise die Sprachregion konstant gehalten werden.

Die Resultate machen deutlich, dass insbesondere wirtschaftsnahe Elemente wie die Personenfreizügigkeit und die Wiederaufnahme der gegenseitigen Anerkennung von Konformitätsbewertungen (MRA) einen statistisch signifikanten und klar positiven Einfluss auf die Zustimmung in der Branche haben. Die Bereiche Horizon Europe oder Schengen wirken sich nicht signifikant auf die Stimmabsicht aus. Dies verdeutlicht, dass die Unterstützung in der Branche vor allem auf jenen Elementen beruht, die einen direkten geschäftlichen Bezug haben.

Die Mehrheit der Mitglieder wünscht sich, dass Swiss Medtech seine Unterstützung für das Paket beibehält (40%) oder verstärkt (31%).

Für mehr Zurückhaltung (7%), einen völligen Rückzug aus der aktiven Unterstützung (4%) oder eine vollständige Neuorientierung (3%) plädiert hingegen nur eine kleine Minderheit.

Zusätzlich hat das neue Paket Schweiz–EU für die Mitglieder von Swiss Medtech eine sehr hohe Relevanz. 83 Prozent bewerten die Abkommen zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen als wichtig für die gesamte Branche.

Nur eine kleine Minderheit hält das Paket für eher oder sehr unwichtig (9%), während 8 Prozent keine Angabe machen.

Synthese

Unternehmerische Aspekte stehen klar im Vordergrund.

Die Zustimmung zum neuen Paket Schweiz–EU wird in erster Linie von unternehmensrelevanten Elementen getragen – allen voran die Personenfreizügigkeit und der direkte Marktzugang über ein MRA. Ideologische oder institutionelle Aspekte spielen für die Unterstützung eine untergeordnete Rolle.

Der Wegfall des MRA als prägende Negativerfahrung

Seit Mai 2021 hat die Branche erhebliche zusätzliche finanzielle, personelle und organisatorische Aufwände zu tragen. Diese direkte negative Erfahrung hat die strategische Bedeutung eines reibungslosen Marktzuganges zur EU deutlich ins Bewusstsein der Unternehmen gerückt.

Mehrheitliche Zustimmung, aber mit Zurückhaltung

Eine klare Mehrheit der Unternehmen unterstützt das neue Paket Schweiz–EU, jedoch ist die Meinungsbildung noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die Unterstützung gründet sich in erster Linie auf zentrale wirtschaftliche Vorteile, insbesondere die Wiederherstellung eines Mutual Recognition Agreement (MRA) für den unbürokratischen Marktzugang, die Sicherung der Personenfreizügigkeit sowie die damit verbundene Planungs- und Rechtssicherheit.

Die Gegenposition ist klar ideologisch geprägt.

Die Minderheit, die das Paket Schweiz-EU ablehnt, tut dies nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern fast ausschliesslich aus politisch-ideologischen Motiven wie beispielsweise die Asyl- und Migrationspolitik. Diese Haltung zielt auf die Wahrung nationaler Handlungsspielräume und lehnt eine stärkere rechtliche Verflechtung mit der EU ab. Die Gegenposition ist zahlenmässig kleiner, aber in ihren Ansichten klar gegen eine Vertiefung der politischen Integration.

Methodische Details

Die Befragung wurde als Vollerhebung unter sämtlichen 823 Mitgliedsunternehmen von Swiss Medtech konzipiert. Insgesamt nahmen 323 Unternehmen an der Online-Erhebung teil, was einer Rücklaufquote von rund 40 Prozent entspricht. Vertreten sind sämtliche relevanten Segmente der Medtech-Branche, darunter Hersteller, Zulieferer, Dienstleister sowie Start-ups im Bereich Medizinaltechnik und ebenfalls vertreten sind alle Unternehmensgrössen.

Befragt wurde zwischen dem 3. Juli und 11. August 2025. Während dieser Phase, am 1. August 2025, kündigten die USA neue Zölle für die Schweiz an. Von den 323 Unternehmen beteiligten sich 250 vor und 73 nach dem Erscheinen der Zollnachrichten an der Befragung. Es wurde explizit geprüft, ob sich die Haltung der befragten Unternehmen zum Paket Schweiz-EU durch das Ereignis verändert hat.

Nach der Ankündigung zeigte sich eine etwas stärkere Unterstützung für das Paket (60% vs. 68%). Dieser Unterschied erweist sich jedoch statistisch nicht als signifikant.

Um sicherzustellen dass die Resultate die Stimme aller Mitglieder wiedergeben, wurden die Ergebnisse gewichtet. Die Gewichtung basiert auf einer Kombination aus Unternehmensgrösse (Anzahl Mitarbeitende) und dem Anteil des Unternehmens, welcher der Medtech-Branche zuzurechnen ist.

Durch die breite Abdeckung der unterschiedlichen Unternehmensgrössen und Branchensegmente bietet die Befragung ein aussagekräftiges und belastbares Stimmungsbild, das eine fundierte Grundlage für die strategische Positionierung und Interessenvertretung von Swiss Medtech darstellt.

Auftraggeber: Swiss Medtech

Grundgesamtheit: Mitglieder Swiss Medtech

Datenerhebung: Online

Art der Stichprobenziehung: Vollerhebung auf Basis des Mitgliederverzeichnisses Swiss Medtech

Befragungszeitraum: von 3. Juli bis 11. August 2025

Stichprobengrösse: Total Befragte CH N = 323, Ausschöpfung 40%

Stichprobenfehler: ±5.5 Prozent bei 50/50 und 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit